Ein wenig stolz bin ich schon, jetzt wo ich zum ersten mal hier in Brisbane in meiner eigenen Wohnung stehe. Diese vier Waende, zentral im Stadtzentrum gelegen, sind in der naechsten Zeit mein neues Zuhause. Hier bin ich nun zunaechst auf mich allein gestellt und kann nicht wie gestern auf die Mutter zaehlen, wenn eine Grippe im Anflug ist, ein Hemd gebuegelt werden muss, oder ich gerade wieder Hunger auf ihre Kueche habe.

Zwischen dem Hier und Jetzt und dem Gestern liegen ein traenenreicher Abschied von der Familie und ein 23-stuendiger Qantas-Flug, der das eigene System auf links dreht. An den ersten beiden Tagen kommt der grosse Hunger nachts um 1.00h wenn man schlafen sollte aber nicht kann. Am naechsten Tag sitzt man gaenzlich ohne Appetit um 12.30h am Mittagstisch und laeuft Gefahr mit offenem Mund und Augen einzuschlafen. Das moechte ich bei meinem ersten Dienstessen mit den neuen Arbeitskollegen vermeiden. Zudem ist hier gerade der Winter eingebrochen. Die heutigen 15 Grad sind das Kaelteste, was ich waehrend meiner nun sechs Besuche in Brisbane erlebt habe. Der Zeitunterschied betraegt acht Stunden. Waehrend der deutschen Winterzeit sind des zehn, da auf der Nordhalbkugel die Uhren zurueck-, und auf der Suedhalbkugel gleichzeitig vorgestellt werden. Nach zwei Tagen hat sich der Koerper fuer gewoehnlich umgestellt, und die kleinen Irritationen gehen vorbei.

Was niemals vorbeigeht ist das Bewusstsein fuer die Bedeutung der eigenen Familie. Ihre sonst so normale und selbstverstaendliche Gegenwart, die den eigenen Alltag stabilisiert, wird hier zu einer seltenen Besonderheit, die man auf eine ganz neue, durch und durch positive Art schaetzen lernt. Das wird sicher eine unersetzliche Erfahrung fuer die eigene Zukunft. Um die volle Unterstuetzung der Eltern und des Bruders zu wissen, hilft ueber den Trennungsschmerz hinweg.

Am Dienstag habe ich meinen ersten Arbeitstag als neuer Sportdirektor des australischen Tischtennis-Verbandes. Australien ist beileibe keine TT-Nation, die Herren- und Damen-Nationalteams spielen bei der WM ueblicherweise um die Plaetze 30 bis 45. In Deutschland gibt es etwa 430.000 aktive Wettkampfspieler auf einem Gebiet, das etwa einem Viertel des Bundeslandes Queensland entspricht. In ganz Australien kommen wir auf 8.000 registrierte Wettkampfspieler, allerdings ist das Gebiet fast so gross wie Europa. Hier eine nationale Top-Liga aufzubauen ist nahezu unmoeglich, dazu ist das Land zu gross – kein Mensch setzt sich fuenf Stunden ins Flugzeug, um zu einem Tischtennis-Auswaertsspiel anzureisen. Hier gilt es smarte Alternativen zu finden. In jedem Fall ist meine Aufgabe die Strukturen und Rahmenbedingungen zu verbessern, um TT als Leistungssport zu foerdern, eine grosse Herausforderung. Ich werde viel im Land unterwegs sein, um mit den Landesverbaenden, ihren Trainern und groessten Clubs im Land Strategien zu entwickeln und umzusetzen, die zweifellos vorhandenen TT-Talente des Landes zu sichten und spaeter nach zeitgemaessen Leistungssportkriterien zu foerdern. Neben vielen anderen Taetigkeitsfeldern gehoert die Betreuung der Nationalmannschaften und der einzelnen Athleten bei internationalen Turnieren ebenfalls zu meinem Aufgabenprofil.

 

Aber bevor ich mich in meinen neuen Job stuerze muss ich mich hier zunaechst einleben und kurzfristig ganz alltaegliche Dinge wie z.B. ein australisches Handy, ein Bankkonto, eine Kreditkarte und auch ein Auto besorgen. Bis ich mich selbst hier komplett aufgestellt habe wird es gewiss seine Zeit dauern.

An dieser Stelle werde ich in regelmaessigen Abstaenden von meinen Erlebnissen berichten. Und jetzt werde ich zunaechst in Erfahrung bringen, weshalb meine Wohnung zwar Strom, aber noch kein warmes Wasser hat. Ich habe die Feiertage im Verdacht, die viele Serviceleistungen um einen Tag hinauszoegern. Dann muss ich mich morgen wohl noch einmal auf eine kalte Dusche einstellen.

 

 

Bis dahin allerbeste Gruesse nach Deutschland,


Jens Lang


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