Hallo zusammen,

 

eigentlich schreibe ich hier in meinem Blog ja über meine Schröten und alles so in groben Zügen drum herum.

Seit Freitag abend aber ist vieles so unwichtig in den Hintergrund gerutscht, seit die ersten Meldungen aus Fukushima die Medien beherrschen. Auch ich schaue stündlich, was es an neuen Informationen gibt. Alles blickt sorgenvoll nach Japan, alle haben dort Angst vor dem atomaren Gau. Schlimm genug sind schon die Auswirkungen des Erdbebens und der Flutwelle, die vielen Toten, Verletzten und Obdachlosen – begreifbar ist DAS schon alles nicht. Dann kommt noch ein Horrorszenario hinzu: Radioaktivität. Die Angst, weil man es nicht schmecken, fühlen oder sehen kann; die Hoffnung als letztes, woran man sich klammert, dass die Techniker die AKWs doch noch in den  Griff bekommen. Diese Ungewissheit, was weiter geschieht… – die japanischen Bürger müssen doch schier verrückt sein vor Angst. Wir meinen zwar, wir sitzen hier in Europa weit weg, aber die Welt ist so klein und so verbunden geworden – und AKWs gibt es überall.

Eins ist mal klar: Kommt es wirklich zum schlimmsten, wird es keine "lokale Katastrophe" bleiben. So war es auch nicht bei Tschernobyl 1986. Die Auswirkungen sind nachweislich europaweit zu spüren gewesen, auch heute noch ist dort an der Grenze zu Weissrussland alles verseucht. Von den vielen Spätfolgen für die Menschen (und Tiere) gar nicht zu reden. Da war es damals kein Erdbeben, keine Flutwelle, sondern "nur" ein Testlauf, der den Super-Gau brachte.

Was kommt alles auf Japan und auch auf uns zu, wenn wirklich Radioaktivität in grösseren Mengen austritt? Bläst der Wind alles auf´s Meer hinaus oder über´s Land? Wie werden die Auswirkungen auf die Süßwasserversorgung sein, auf die Ökosysteme der Ozeane, auf die Landwirtschaft und  auf das Leben in der Natur allgemein? Ich mag gar nicht weiter überlegen, dann kommt man ja vor lauter Panik gar nicht mehr zur Ruhe…

Mir kommt in diesem Zusammenhang auch noch der Film "The day after" in den Sinn, den habe ich, als er 1983 in die Kinos kam, gesehen – und der hat mich damals arg mitgenommen und wochenlang "verfolgt". Da ging es zwar um Atomraketen, aber das Ende zeigte die Auswirkungen der ausgetretenen Radioaktivität – und Radioaktivität ist und bleibt dasselbe, egal, woher sie kommt, ob aus Raketen oder aus AKWs.

Für mich persönlich ist jedenfalls nach diesem Störfall in Japan klar: Da können noch so viele Politiker und Wissenschaftler, die ihr Geld damit verdienen, sagen, hier sei alles sicher. Es ist für mich seit heute Fakt: Kernkraft ist nicht beherrschbar, ist unberechenbar. Und wir sollten so langsam wirklich mal umdenken. Es braucht immer eine Katastrophe, um zum Nachdenken zu kommen, so sind wir Menschen nun mal. Es geht auch nicht von heute auf morgen, logisch. Im letzten Jahrzehnt ist aber auch klar geworden, dass alle hochtechnisierten Länder in der Lage sind, Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien herzustellen. Ist es denn nicht möglich, alle Gelder, die noch in alte AKWs gesteckt werden, in neue Energien einfliessen zu lassen? Und so nach und nach den Umbruch zu schaffen? Klar will jeder billigen Strom, der auf unseren Rechnungen in den vergangenen Jahren aber immer teurer geworden ist. Warum nur? Die Stromkonzerne reiben sich die Hände, weisen jedes Jahr Milliarden-Gewinne aus und rühmen sich damit. Mal ganz ehrlich: Reicht da nicht auch die Hälfte aus, es als Gewinn zu verbuchen? Und die andere Hälfte ab sofort oder in naher Zukunft zur Stromgewinnung aus Wind, Wasser und Sonne zu investieren? Ich weiss es nicht, ich bin kein Experte in diesen Sachen – aber wäre das nicht nun das vorangige Ziel? Eine etwas sicherere Welt, wenn wir es doch schon technisch möglich machen können?

Im Moment bleibt wohl nur weiter mit Sorge nach Japan zu schauen, für die Menschen dort zu beten und das beste zu hoffen.  Und vor allem alle Hoffnung in die Techniker dort zu legen, dass die schlimmste Katastrophe nicht eintreffen möge. Und später mal genauer zu schauen, was wir denn hier in unserem Land auch als kleine Bürger für Möglichkeiten haben, um solche Horror- und Angstvorstellungen von Atomkraft und Radioaktivität auf Dauer mal auszuschliessen. Ich finde, die Zeit ist reif. Sonnenkollektoren auf dem Dach sind ja schon mal ein Anfang…

Aber um zum Thema Radioaktivität und Tiere zu kommen: das "witzige" an der ganzen Sache ist, dass ich schon seit ca. 25 Jahren einen Text besitze, der mich damals interessiert hatte und vielleicht heute aktueller denn je ist. Ich weiss noch, dass er anfangs als abgeschriebener handschriftlicher DIN A4- Zettel bei mir immer von einer Schublade in die nächste wanderte, warum auch immer. Wahrscheinlich hat er in all den Jahren nichts an Popularität bei mir verloren. Denn seit einigen Jahren hängt dieser Text als grosses Poster gerahmt in meinem Büro. Ich kenne den Verfasser leider nicht, kann also keine Quellenangabe dazu schreiben ( Falls es jemand weiss, bitte melden). Die Überschrift lautet: "Aus einem Kinderaufsatz: Die Tiere auf dem Bikini-Atoll." Es ging um die Auswirkungen der Radioaktivität von amerikanischen Kernwaffentests in den 40er- und 50er Jahren auf dem Bikini-Atoll. Ich gebe Euch diesen Text hier mal weiter, vielleicht hilft das ja aktuell auch noch beim Nach- und Umdenken.

 

 

"Aus einem Kinderaufsatz: Die Tiere auf dem Bikini-Atoll

Der Bikini-Atoll ist eine kleine, ringförmige Insel. Vor vielen Jahren wurden dort Atombomben ausprobiert. Seitdem ist das Meer ringsherum verseucht. Die Radioaktivität hat alle Schmetterlinge sterben lassen, die über das Meer geflogen sind. Ein Meer, auf dem ein großer, weißer Schmetterlingsteppich ausgebreitet ist.

Auf der Insel selbst leben noch Tiere. Vögel trauen sich nicht aus ihren Höhlen. Auch nicht am Tage. Vögel haben auf dem Atoll schon immer in kleinen Höhlen gelebt, aber nur zum brüten und schlafen, vor den Atombomben. Und jetzt, so viele Jahre später, trauen sich die, die jetzt leben, aus den Höhlen nur ganz kurz heraus, weil sie irgendwie wissen, daß ihre Urururgroßeltern damals tot vom Himmel gefallen sind nach den Explosionen. Menschen wären auch sofort tot gewesen.

Nur waren keine Menschen auf der Insel. Die haben die Explosionen weit weg von Schiffen aus beobachtet und ausgewertet. Aber den Vögeln ist die Angst geblieben bis heute, so wie die Radioaktivität geblieben ist bis heute. Und darum verlasse sie ihre Höhlen nur, um auf das Meer hinauszufliegen um etwas Essen zu fangen. Fische aus dem Wasser. Aber das Wasser ist auch giftig, und die Fische sind vergiftet, und die Vögel, die die Fische fressen werden krank oder verrückt.

Und dann sind da noch die Eier. Der ganze Strand voll Millionen Eier. Die haben andere Vögel gelegt, Seevögel. Diese Eier sind alle tot, sie waren schon tot, die kleinen Vögel in ihnen waren schon tot, als die Eier gelegt wurden, weil die Seevögeleltern auch vergiftet sind von der Radioaktivität. Aber die Seevögel wissen es nicht. Sie fliegen jeden Tag hinaus auf´s Meer und holen vergiftete Fische zum Essen und jeden Abend kommen sie zurück und setzen sich auf die Eier und brüten und brüten, aber niemals kriecht ein Junges heraus, sie sind doch alle tot. Nur die Elternvögel wissen es nicht. Und kein Instinkt sagt es ihnen.

Die Tiere auf der Insel haben einfach Angst vor allem. Vor der Luft und der Erde und dem Wasser. Dort leben die Fische auf Bäumen. Dabei sind es Fische, die ursprünglich nur ein paar Minuten ohne Wasser haben sein können. Inzwischen hat sich etwas in ihnen verändert, denn damals, als die Menschen alles vergiftet haben, Wasser, Luft, Land, Pflanzen, Essen, damals sind die Fische aus Angst vor dem giftigen Wasser an Land gekommen, und das Land war ihnen auch unheimlich, und so sind sie auf die Bäume gekrochen, und die meisten sind gestorben, aber ein paar sind übriggeblieben und ihre Kinder und die Kinder von diesen Kindern haben sich immer weiter verändert und nun können sie ohne Wasser leben auf den Bäumen. Aber sie sehen schrecklich aus, gar nicht wie Fische, eher wie Kröten, mit Augen, die viel zu groß sind und aus den Augenhöhlen herausquellen.

Und dann noch das Beispiel der Meeresschildkröte. Die Meeresschildkröte ist aus dem Wasser an Land gekrochen, um Eier zu legen, ihre Kinder.

Meeresschildkröten legen ihre Eier mit ihren Kindern immer in den heißen Sand. Sie legte ihre Eier also in eine Sandkuhle, eins nach dem anderen, und als sie mit dem Legen fertig war, hat sie die Kuhle zugescharrt. Danach hat sie zum Meer zurückgewollt, denn im Meer hat sie ja gelebt. Aber statt zum Meer zu kriechen ist sie immer weiter vom Meer weggekrochen. Weil sie nämlich durch das vergiftete Wasser auch vergiftet worden ist, ihr Gehirn und ihre Sinne und sie hatte keinen Orientierungssinn mehr. So kroch sie also über den glühenden Sand immer weiter in die falsche Richtung, und sie hat gekeucht vor Anstrengung dabei. Mit den Füßen und mit den großen Schwimmflossen hat sie sich immer weitergeschleppt in die falsche Richtung. Nach einem halben Tag hatte sie keine Kraft mehr, der Sand war sehr heiß.

Kurz vor ihrem Tod hatte sie wohl noch einen Traum. In einer letzten Hoffnung hat die Schildkröte geglaubt, daß sie ins Meer zurückgekommen ist und schwimmt. Und sie hat wirklich mit den großen Flossen so getan, als ob sie schwimmen würde.

Und so ist sie gestorben – schwimmend im heißen Sand."

 

Schönen Sonntag noch,

Ines

 

 


Über die Autorin/den Autor:  Ines Wulfert ist Mediendesignerin. Ihr großes Hobby sind Schildkröten. Über ihre Erfolge in der schwierigen Zucht berichtet sie in ihrem Blog. Alle Beiträge der Autorin/des Autors: